Macht Ihr Job Sinn, und wenn ja, welchen?

«Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich die Welt erklären muss, um das Leben zu bewältigen» – Remo Largo

Von Christian Bachmann:
Möglicherweise haben Sie sich während des Lockdowns die Sinnfrage öfters gestellt als auch schon. Das ist auch völlig normal: In unserem Alltag sind wir stark nach aussen orientiert: Anforderungen aus dem Beruf, die sozialen Kontakte oder unsere Freizeitaktivitäten halten unseren Blick nach vorne gerichtet. Nun wurden wir aus unseren Lebensgewohnheiten herausgerissen. Wenn «da vorne» nichts mehr zu erblicken ist, geht unsere Aufmerksamkeit nach innen, wir werden auf uns selbst zurückgeworfen.  
 
Diese nach innen gelenkte Aufmerksamkeit – kombiniert mit den wirtschaftlichen und existenziellen Ängsten, die aus der COVID-19 Berichterstattung resultieren, hat bei vielen Menschen Sorgen oder Ängste bewirkt. Und das ist ein Phänomen der Sinnfrage: Diese stellt sich meist in der Krise.

Natürlich macht Ihr Job Sinn. 


Er ermöglicht Ihnen zuerst einmal die wirtschaftliche Existenz. Zudem könnten Sie nicht all die Jahre in einer Tätigkeit sein, ohne hier auch wertvolle Kompetenzen zur Anwendung zu bringen. Die «Kompetenz-Erfahrung» dient als wichtiges sinnstiftendes Element in unserem Beruf: Wir erfahren, dass wir mit unseren Talenten und Kompetenzen für andere Menschen Leistung erbringen können, die bedeutsam ist.  
 
Die Sinnforscherin Tatjana Schnell verbindet Sinnerleben mit vier Indikatoren:  

  • Kohärenz, Passung: Dinge erscheinen stimmig. Ich fühle mich wohl in meiner Rolle,    weil sie zu meinem Charakter, zu meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen passt.
  • Bedeutsamkeit, Anerkennung: Was ich tue, ist für mich bedeutsam und auch für andere. Mein Tun hat Konsequenzen.
  • Orientierung, Effektivität: Ich nehme eine gewisse Richtung wahr in meiner persönlichen Entwicklung. Die Energie, die ich investiere, steht in einem guten Verhältnis zu den erreichten Ergebnissen.
  • Zugehörigkeit, Beziehungen: Ich erfahre mich als Teil eines grösseren Ganzen: Team, Firma, Menschheit ...


Natürlich haben Sie nicht von morgens früh bis abends spät Sinnerleben in Ihrem Beruf. Das wäre vermessen. Tatjana Schnell stellte in einer Umfrage zur Passung in der Erwerbsarbeit fest, dass nur gerade 14 % der Befragten sich in einer hohen Passung erfahren. 62 % geben für sich eine mehr oder weniger gute Passung an, und bei 24 % ist diese schlecht.

Sinn ist ein wichtiger intrinsischer Motivator

Je mehr Sinnerleben Sie haben, desto mehr Energie und Kreativität können Sie in Ihren Beruf einbringen. Oft ist es jedoch sehr schwierig, für sich selber positiv formuliert festzulegen, wie die Arbeit sinnvoller werden könnte. Rolf Dobelli (NZZ 9.9.2017) stellt der «Upside» Strategie – in diesem Fall also der Frage, wie ich mehr Sinnerleben im Beruf erfahren könnte -  die «Downside» Strategie entgegen: Hier geht es um die Frage: «Was erlebe ich im Beruf als völlig sinnlos?» Meistens können wir die als sinnlos erlebten Erfahrungen sehr klar benennen und damit auch angehen: Wir können unsere Aufgaben und Verantwortlichkeiten anpassen (Rollenklärung), Aufgaben delegieren, latente Konflikte ansprechen (Konfliktmanagement) oder neue Vorschläge machen zu Entscheidungswegen oder -Kompetenzen. 

Sinnerleben braucht oft auch sehr viel Mut

Es bedeutet immer, sich in seinen Verhaltensmustern zu reflektieren, sich zu öffnen für neue Erfahrungen und bewusst in die Handlung zu gehen. Sinn wird einem nicht einfach geschenkt. Er braucht ständiges Bemühen und sich selbst Erforschen. 

Seminar zum Blog: 

Resilienz stärken - Effektivität steigern