Persönliche Resilienz

Pandemie und Krieg haben es uns wieder bewusst gemacht: Das Leben ist fragil und unverfügbar. Sicherheitsstiftende Strukturen können sich schnell auflösen. Unser Leben ist eingebettet in Dynamiken und Veränderungsprozesse, die wir nicht kontrollieren können. Resilienz ist das Gebot der Stunde, auf allen Ebenen: Individuen, Teams und Organisationen. In diesem Beitrag steht die individuelle Resilienz im Fokus, die auch am besten erforscht ist.

Von Christian Bachmann

«Resilienz besteht, wenn Individuen in grossen psychischen oder körperlichen Stresssituationen ihre psychische Gesundheit aufrechterhalten oder diese nach einer kurzen Phase von Belastungssymptomen rasch wiederherstellen können.» (Leibnitz Institut für Resilienzforschung)

Die Resilienzforschung hat in den letzten 20 Jahren einen signifikanten Wandel durchgemacht. Resilienz wurde zuerst als «trait-oriented» definiert und damit spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen des Menschen zugeordnet. Mittlerweile wird Resilienz immer mehr als «outcome-oriented» beschrieben in dem Sinne, dass die mentale oder psychische Gesundheit erhalten oder wieder hergestellt werden kann trotz signifikantem Stress oder Belastungen, sei dies akuter oder chronischer Stress. Aus dieser Perspektive ist die Stressbelastung überhaupt die Voraussetzung, damit sich die Resilienz einer Person manifestiert (Chmitorz et. al., 2018).

Es besteht ebenfalls ein breiter Konsens darüber, dass individuelle Resilienz multifaktoriell und das Resultat eines dynamischen Prozesses ist: Sie entsteht aus einem Zusammenspiel von mehreren persönlichen protektiven Faktoren und zumindest teilweise auch durch eine unterstützende Umwelt. Als Resilienzfaktoren werden die Ressourcen des Menschen bezeichnet, welche diesen vor potentiellen negativen Effekten (Stressoren) schützen, indem sie es dem Menschen erlauben, eine bestmögliche Bewältigungsstrategie (coping) für den jeweiligen Stressoren zu entwickeln. Damit ist die persönliche Resilienz auf’s engste verknüpft mit dem individuellen Stressmanagement (Siehe BWI-Blog Stresskompetenz).

Die gute Nachricht ist, dass Resilienz trainierbar ist. In der Grafik sind die Resilienzfaktoren dargestellt, die nachweislich einen positiven Einfluss haben auf die psychische Widerstandskraft (U.a. Heller und Gallenmüller 2019; Felder-Fallmann und Hanfstingl 2021).

Der Mensch braucht einen realistischen Optimismus. Er darf sich nicht in der Utopie verlieren, aber eine grundlegende Überzeugung darauf, dass die Zeiten wieder besser werden und dass das Leben auch schön sein kann. In diese Gruppe gehört auch die Akzeptanz: Die Pandemie bedeutet(e) für Viele eine existenzielle Bedrohung, Jobs gingen verloren, Schicksalsschläge galt es zu ertragen. Resiliente Menschen können das Unveränderliche annehmen, einerseits in dem was um sie herum passiert, aber auch nach innen in Bezug auf ihre persönliche Befindlichkeit und Gefühle. Brené Brown (2021) hat das treffend formuliert:

“For many of us, myself included, it’s easier to live in our heads and be completely disconnected from our bodies. But there’s a cost. Insomnia, injuries, exhaustion, depression, anxiety – the body has powerful ways to get our attention.”

Durch diese Akzeptanz und verbunden mit dem realistischen Optimismus geht der resiliente Mensch in die Handlung, solange er noch handlungsfähig ist: Lösungsorientierte Menschen sehen Probleme als Herausforderungen und können unterschiedliche Varianten entwickeln, um einen Stressor zu bewältigen. Zudem sind sie von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugt: Was auch immer passiert, resiliente Menschen verlieren sich nicht in der Opferperspektive, sondern suchen aktiv nach Bewältigungsstrategien. Getragen werden diese Resilienzfaktoren von der Eigenverantwortung und damit der Überzeugung, dass jeder Mensch für sein Denken, Fühlen und Handeln selbst verantwortlich ist. Komplettiert werden die persönlichen Resilienzfaktoren mit der Zukunftsorientierung und damit der Kompetenz, sich immer wieder neue, positive Ziele für die Zukunft setzen zu können und auch den Lebenssinn als Ressource wahrnehmen zu können. Eingebettet sind diese Faktoren in die Netzwerkorientierung. Der Mensch als soziales Wesen braucht verlässliche Bezugspersonen, bei denen sie oder er sich geborgen fühlen kann und von denen in schwierigen Lebensabschnitten auch Hilfe und Unterstützung kommen kann. Auch im Falle, dass eine Beziehung zerbrechen sollte, schaffen es resiliente Menschen, sich wieder neue, tragende Beziehungen aufzubauen.

Natürlich ist das alles viel einfacher geschrieben als in einer herausfordernden Lebenssituation gelebt. Die nachhaltige Weiterentwicklung der persönlichen Resilienzfaktoren fordert von uns allen eine permanente Auseinandersetzung und ist Teil des persönlichen Lebenswegs.

Resilienz wird Sie auch nicht davor bewahren, dass Ihnen nichts mehr passiert und dass Sie unverletzlich «über dem Leben thronen» können. Resiliente Menschen wissen, dass der Schatten zum Licht gehört und können mit der Dynamik des Lebens mitgehen. Oder, wie es Brené Brown (2021) so schön schreibt «In this life, we will know and bear witness to incredible sorrow and anguish, and we will experience breathless love and joy. There will be boring days and exciting moments, low-grade disappointment and seething anger, wonder and confusion. The wild and ever-changing nature of emotions and experiences leaves our hearts stretch-marked and strong, worn and willing.”

Seminar zum Blog:

Stärken stärken, Resilienz fördern und Stresskompetenz entwickeln

Literatur zum Text:

  • Brown, Brené. 2021. Atlas of the Heart. New York: Random House.
  • Chmitorz, A., A. Kunzler, I. Helmreich, O. Tüscher, R. Kalisch, T. Kubiak, M. Wessa, und K. Lieb. 2018. „Intervention Studies to Foster Resilience - a Systematic Review and Proposal for a Resilience Framework in Future Intervention Studies“. Clinical Psychology Review, 2018.
  • Felder-Fallmann, Claudia, und Barbara Hanfstingl. 2021. Resilienz. Klagenfurt/Celovec: Hermagoras/Mohorjeva.
  • Heller, Jutta, und Nina Gallenmüller. 2019. „Resilienz-Coaching: Zwischen ‚Handchenhalten‘ für Einzelne und Kulturentwicklung für Organisationen“. In Resilienz für die VUCA-Welt. Wiesbaden: Springer Nature.