Eine Toolbox für die Zukunft

Überraschungen gehören zum Leben. Wir können nicht alles antizipieren. Covid-19 allerdings hätte niemanden überraschen müssen. Die Gefahr einer Pandemie war bekannt, dass sie Milliarden kosten würde, ebenso.

Eine Toolbox für die Zukunft

Überraschungen gehören zum Leben. Wir können nicht alles antizipieren. Covid-19 allerdings hätte niemanden überraschen müssen. Die Gefahr einer Pandemie war bekannt, dass sie Milliarden kosten würde, ebenso. Nassim Nicholas Taleb hat in seinem Bestseller 2007 völlig unerwartete, disruptive Ereignisse als „Schwarze Schwäne“ bezeichnet. Für Covid-19 muss ein anderes Tier herhalten: Elefanten: „Schwarze Elefanten“ sind potenzielle Ereignisse, die überaus wahrscheinlich und gut erkennbar vor uns liegen, aber niemand wollte hinschauen.

Was können Sie tun, um die Zukunft zu antizipieren, um Ihre Organisation zukunftsfit zu halten, um die Zukunft zu gestalten? Wenn Sie die Verantwortung für ein Unternehmen tragen, sind Sie für die Zukunft des Unternehmens zuständig. Strategische Führung ist immer auch Zukunftsmanagement. In einer immer unberechenbareren, weil verflochtenen, interdependenten und sich schnell wandelnden Welt braucht jedes Unternehmen eine Toolbox, um vermeidbare Überraschungen zu reduzieren und Chancen und Risiken früh zu erkennen. Diese Toolbox stellt die systematische Zukunftsforschung. Hier sind die 8 wichtigsten Werkzeuge daraus:

1. Erfassen Sie die Big Shifts.

Es gibt übergeordnete, langfristigen Entwicklungen, die das unternehmerische Umfeld nachhaltig verändern. Seit John Naisbitt nennt man sie auch Megatrends. Sie wirken über Jahrzehnte, zeigen sich global und in allen Bereichen – von der Politik über die Wirtschaft, aber auch in Kultur und Gesellschaft. Megatrends werden gerne übersehen (siehe oben: Schwarze Elefanten“), weil sie sich nur langsam verändern. Aber gleich einer langsamen Lawine, die sich den Berg herunterwälzt, kann nichts sie stoppen. Je nach Zählweise gibt es etwa ein bis zwei Dutzend Megatrends: Die Alterung, das Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung, die Digitalisierung, die Individualisierung gehören dazu. Eine Liste für Megatrends finden Sie beispielsweise hier www.kultinno.ch

Viele Megatrends zeigen auch Gegentrends – und auch Gegentrends können Geschäftsfelder eröffnen. Die Beschleunigung zum Beispiel hat die Entschleunigung als Gegentrend – und spielt zum Beispiel im Gesundheits-, Bildungs- oder Tourismussegement eine Rolle. Die Globalisierung hat die Lokalisierung zum Gegentrend. Hier bestehen u.a. Chancen für die Nahrungsmittelbranche oder für viele Handwerke.

2. Erkennen Sie Ihre kritischen Unsicherheiten.

Ihr Geschäftsumfeld verändert sich laufend. Das geschieht nicht durch Gottes Hand, sondern als Folge von Treibern. Diese Treiber, auch Einflussfaktoren genannt, gilt es zu erkennen. Wenn Sie das tun, laufen Sie leicht Gefahr, blinde Flecken zu haben: Treiber, die Sie ignorieren. Die Zukunftsforschung hilft blinde Flecken zu vermeiden, in dem sie das STEEP-Raster vorgibt. STEEP ist ein Akronym: Die Buchstaben stehen für Gesellschaft (S = society), Technologie (T = technology), Wirtschaft (E = economy), Umwelt (E = environment) und Regulation (P = politics). Die Entwicklung der Treiber in all diesen Bereichen gilt es zu antizipieren und zu evaluieren. Die Evaluationskriterien sind Wirksamkeit und Prognosefähigkeit: Wenn es extrem wirksame Treiber für ihr Geschäftsumfeld gibt, Sie aber nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, wie sich dieser Treiber entwickelt, dann haben Sie eine kritische Unsicherheit. Treiber und vor allem kritische Unsicherheiten sind die Bausteine für Szenarien. Wenn ein Einflussfaktor extrem mächtig, aber nicht vorhersehbar ist, müssen Sie mit alternativen Zukünften arbeiten. Damit erarbeiten Sie strategische Optionen für verschiedene Szenarien. Szenarien erweitern Ihren Vorstellungsraum.

3. Setzen Sie ein Monitoring zur Früherkennung auf.

Aus 1 und 2 folgt der Schritt 3: ein Monitoring. Bestimmen Sie Indikatoren für die Megatrends, Treiber und kritischen Unsicherheiten. Verfolgen Sie die Indikatoren – beispielsweise können Sie für die wichtigsten Indikatoren Google-Alerts einrichten. So können Sie wahlweise täglich, wöchentlich oder monatlich verfolgen, was sich tut. Sie erkennen dabei auch die „Schwachen Signale“ – also Vorläufer von Trends. Überdenken Sie regelmässig, was die Veränderungen für Ihr Unternehmen bedeuten können.

4. Lassen Sie sich von Hypes nicht irre machen.

TikTok, Veganismus oder Minimalismus: Sind das Hypes oder wichtige aufkommende Trends? Die Unterscheidung ist zugegebenermassen nicht immer einfach. Es dauert in der Regel nicht lange, bis Euphoriker einen neuen „Megatrend“ ausrufen (was nichts mit den oben beschriebenen Megatrends zu tun hat: was diese Leute meinen ist, dass es ein „mega“-cooler Trend ist). Wenn etwas auftaucht, dass Sie in einem Kernbereich betreffen könnte, lohnt sich ein Monitoring (s. Punkt 3). Auf diese Weise können Sie im Laufe der Zeit erkennen, ob was dran ist oder nicht. Vergessen dürfen wir aber auch eine andere Regel nicht: Oft werden insbesondere neue Technologien kurzfristig überschätzt. Die überzogenen Erwartungen werden zunächst enttäuscht. Langfristig aber werden sie dagegen oft unterschätzt. Sie können sich zu neuen Megatrends mausern, was bedeutet, dass sie die Welt umfassend in ihren Sog ziehen. Ein Beispiel dafür ist das Internet. Was vor über 20 Jahren mit langsamen monodirektionalen Seiten begann, hat als digitale Transformation heute Wirtschaft und Gesellschaft fest im Griff.

5. Bringen Sie einen Dialog über die Zukunft in Gang.

Nutzen Sie die unterschiedlichen Blickwinkel innerhalb und ausserhalb Ihrer Organisation, um ein möglichst vollständiges Bild der sich verändernden Welt zu kriegen. Jede/r Einzelne erkennt vor allem Signale, die seine schon bestehende Meinung bestätigen. Darum braucht es in Organisationen eine fortlaufende, gemeinsame Auseinandersetzung über die relevanten Megatrends und den Möglichkeitenraum, den sie eröffnen. Damit Sie sich dabei nicht in der müssigen Diskussion verlieren, welche Szenarien wahrscheinlicher sind als andere (präzise Prognosen stimmen selten), konzentrieren Sie sich in der Auseinandersetzung lieber auf die Frage der Wünschbarkeit, ohne die unerwünschten Szenarien ausser Acht zu lassen. Sich ein gemeinsames Verständnis des künftigen Möglichkeitenraums zu erarbeiten hilft, tragfähige Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen umzusetzen.

6. Zukunft ist Chefsache.

Es reicht nicht, wenn die Chefin sich für Zukunftsfragen interessiert- tut sie es aber gar nicht, dann passiert auch gar nichts. Wie eingangs erwähnt: Zukunft ist eine strategische Führungsaufgabe. Und als solche ist sie auch nur bedingt an Innovation Labs oder Agenturen delegierbar.

7. Eine Zukunftsstrategie ist kein copy paste Produkt.

Nur weil im Silicon Valley Rutschbahnen in Büros gebaut werden, muss das noch nicht die Zukunft der Arbeitswelt hierzulande vorzeichnen. Natürlich gibt es auch in Ihrer Industrie übergreifende Spannungsfelder und Lösungsansätze, die es zu erfassen gilt. Entscheidend für die Zukunft Ihrer spezifischen Organisation ist aber die Kombination der Zukunftsszenarien mit Ihrer Geschichte und DNA: Legen Sie also die generellen Zukunftsszenarien und die ur-eigenen Stärken Ihrer Organisation übereinander. Welche Prioritäten ergeben sich? Beginnen Sie mit der obersten und entwickeln Sie Lösungsansätze, die für Sie Sinn machen.

8. Einmal reicht nicht.

Nach dem einmaligen Besuch im Fitnessstudio wächst noch kein Sixpack. Zukunftsfitness ist ein evolutionärer Prozess mit dem Ziel zur lernenden Organisation zu werden. Am Horizont der Zukunft tauchen immer wieder neue Möglichkeiten -aber auch neue Risiken- auf und die Unsicherheit muss Ihnen ans Herz wachsen. Jetzt also nicht «zurück», sondern «vorwärts zum Startfeld 1» dieser Werkzeugliste!

Über die Autoren:
Senem Wicki wurde in Dänemark zur Kaospilotin und in Zürich zur Zukunftsforscherin ausgebildet und ist seit über fünfzehn Jahren als Innovationsexpertin und Prozessleiterin für Think Tanks, Unternehmen und öffentliche Institutionen tätig.
www.kühnewicki.com

Georges T. Roos ist Zukunftsforscher mit über 20jähriger Erfahrung in der Beratung von Organisationen in Megatrend-Analysen, Szenario- und Früherkennungsprozessen. Er ist inspirierender Vortragsredner zur Zukunft von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. www.kultinno.ch

«Das Seminar zum Blog – Zukunftsstrategie ist Chefsache!»