Dialogische Führung - kann jede Führungskraft?

Eine der wichtigsten Skills, für die Führungsverantwortliche von heute, ist die Fähigkeit, mit Menschen «von Mensch zu Mensch» kommunizieren zu können. Und dafür zu sorgen, dass dies auch in den Teams möglichst reibungslos funktioniert. Selbst wenn die Meinungen zu einem Thema stark auseinander gehen oder es sogar schwelende oder offene Konflikte gibt.

Von Myriam Mathys

Natürlich gibt es Menschen, denen das Kommunizieren quasi im Blut liegt. Aber die meisten von uns sind doch in Führungspositionen gekommen, weil sie fachlich eine Top-Leistung erbracht oder generell hohes Engagement haben. Und meist nicht deshalb, weil sie die besten Kommunikator*innen sind bzw. am besten mit Menschen umgehen können.
In einer Zeit, in der die meisten Firmen sich schon mehr oder weniger weit auf dem Weg eines Transformationsprozesses in Richtung Agilität und Digitalisierung befinden (oder zumindest dorthin aufbrechen) – wollen gerade die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mitreden und mitentscheiden.
Da braucht es bei Führungskräften die Fähigkeit, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem alle in einen wirklich guten ergebnisorientierten Dialog miteinander kommen. Auch die Stilleren. Dies ist nicht zuletzt deshalb entscheidend, weil nur so die vorhandenen Potentiale der Einzelnen für das Unternehmen sicht- und dadurch nutzbar gemacht werden können. Etwas, das dem Unternehmen entscheidende Wettbewerbsvorteile bringen kann.
 

Einen sicheren Raum schaffen, damit auch die Stilleren unter uns zu Wort kommen und ihr Potential einbringen können

Ich selbst habe schon immer gerne und gut mit Menschen zusammengearbeitet: Sei es als junge oder erfahrene Führungskraft, sei es in der Beratung, in gemeinsamen Projekten mit Kooperationspartner*innen oder auch bei ehrenamtlichen Engagements.
Und in kleinen Teams ist mir die Kommunikation auch von Anfang an leicht gelungen: Neben dem sachlichen Fokus habe ich immer auch grossen Wert auf ein respektvolles zwischenmenschliches Miteinander gelegt.
Doch vor grosse Gruppen zu treten, machte mir richtig Mühe. Und es gelang mir auch nicht so recht, mit einer grösseren Gruppe in einen echten zwischenmenschlichen Kontakt zu kommen. - Ich wusste nicht genau, woran das lag. Doch es ärgerte mich. Und ich wollte es besser machen.

So begann mein Weg in die Welt der Grossgruppen-Methoden… Ich lernte eine nach der anderen kennen und anwenden: World Café, Open Space, Zukunftskonferenz, Real Time Strategic Change, Appreciative Inquiry. Bis ich schliesslich mühelos auch Konferenzen mit mehreren hundert Leuten moderierte und begonnen habe, diese Methoden auch an Kolleginnen und Kollegen in Beratung und Training weiterzugeben.
Ein nächster Schritt war die Auseinandersetzung mit Methoden, die die Menschen in kleinen Gruppen in einen wirklich guten Dialog miteinander bringen und ihnen helfen, anstehende Probleme effizienter und effektiver zu lösen. Dynamic Facilitation, KonsenT oder Thinking Circle eignen sich dafür hervorragend; auch diese Methoden vermittle ich gerne weiter.
Zusammen mit Kolleg*innen habe ich zudem weitere Einsatzmöglichkeiten ausgelotet: Etwa Grossgruppen-Methoden in kleineren Gruppen eingesetzt und Moderationsmethoden für Kleingruppen im grossen Stil angewendet. - Spannend, was da alles möglich wird!
 

Vertrauen in die Gruppe und gelassene Gewissheit, dass sich gute Resultate zeigen werden

Nach wie vor bin ich davon fasziniert, welche Tools es doch alles gibt, die einem sehr effektvoll helfen, Menschen miteinander wirklich in Kontakt und einen ausnehmend guten Dialog zu bringen. Und dadurch kraftvolle Ergebnisse zu erzielen: Ein Mehr an Gemeinschaftsgefühl, neue kreative Ideen, tragfähige Entscheidungen und nicht zuletzt ein Commitment jedes/r einzelnen in der Gruppe, die erarbeiteten Resultate auch wirklich umzusetzen.
Dabei ist die eigene Haltung, mit denen man auf die Menschen zugeht, ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor: Mit Vertrauen in die Gruppe und der gelassenen Gewissheit, dass sich gute Resultate zeigen werden, wenn die richtige Vorgehensweise gewählt und jede/r Einzelne miteinbezogen wird.
Man muss sich in seiner Führungsfunktion also heute nicht mehr (allein) auf sein Kommunikationstalent verlassen oder sein nicht vorhandenes diesbezügliches Talent bedauern: Denn die Methoden sind vorhanden, um Teams in ihrer Zusammenarbeit und ihrem Erfolg wirkungsvoll zu unterstützen.
 

Die passenden Methoden richtig anwenden können ist wichtiger als reines Kommunikationstalent

Dialogische Führung bedeutet, Kommunikationsräume im Austausch mit den Mitarbeitenden bewusst zu gestalten. Voraussetzung dafür ist es, dass ich als Führungskraft die Grundlagen kenne und die verschiedenen Moderationsmethoden in ihrer Anwendung erlebt habe, also aus eigener Erfahrung weiss, wie sie funktionieren und wie sie wirken. Zudem ist es wichtig, einschätzen zu können, in welcher Situation ich mit welchem Ansatz die grösste Wirkung erzielen kann.
Jede einzelne Methode brauche ich selbst als Führungsverantwortliche/r jedoch nicht anwenden zu können. Ganz im Gegenteil: Es ist eine sehr gute Idee, interessierte Mitarbeiter*innen damit zu betrauen, Gruppendialoge und Teamsitzungen zu moderieren. Das stärkt sowohl die Selbstwirksamkeit des/der Betreffenden als auch die Selbstorganisationsfähigkeiten des ganzen Teams. Eine entsprechende Weiterbildung ist ein kleiner Aufwand - der Gewinn für das Team, im Sinne von mehr Effizienz und Effektivität in der Zusammenarbeit, ist um ein Vielfaches höher.

Seminar zum Blog:

Dialogische Führung – Grundlagen und Überblick